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Guantánamo und die „Rückfallquote“

7. Januar 2010

An und für sich sollte bekannt sein, dass das Gefängnis auf Kuba nach internationalen Maßstäben ein Folter-Gefängnis ist.

Die aktuellen Meldungen der Presse berichten über eine „Rückfallquote“ entlassener Häftlinge von bis zu 20 %. Das kann man aktuell beispielsweise hier nachlesen.

Merkwürdig ist, dass unsere Medien (Zeitungen, Hörfunk, Fernsehsender) wie selbstverständlich von „Rückfallquote“ sprechen obwohl es bekannt ist, dass in dem Foltergefängnis Guantanamo viele völlig unschuldige Menschen dort seit Jahren ohne jede Verteidigungsmöglichkeit festgehalten werden. Soweit ich es sehe gibt es keine Daten darüber, wie hoch die Zahl der Zugänge an Gefangenen seit Anbeginn ist  und wie viele davon überhaupt noch entlassen werden können und die Folter überlebt haben. Für Hinweise wäre ich dankbar, wenn ich da etwas übersehen habe.

Aber nur von Rückfallquote zu sprechen, ist schon eine besondere journalistische Leistung. Es sollte eigentlich bekannt sein, dass für die hohe Zahl der völlig unschuldig festgehaltenen und jahrelang gefolterten Gefangenen der Begriff Rückfall nicht zutreffend ist. Und wenn die Zahl derjenigen, die unschuldig in Guantánamo festgehalten werden nicht bekannt ist, dann sollte man zumindest in der Berichterstattung darauf hinweisen. Aber soviel Anstand ist bei vielen Journalisten nicht mehr vorhanden. Selbst solche offenkundigen Widersprüche in der Darstellung der US-Administration werden wie selbstverständlich ausgeblendet.

Wenn man von einer Quote der unschuldigen Gefangenen von ca. 50 % ausgeht, dann erscheint die „Rückfallquote“ von bis zu 20 % angesichts der erlittenen jahrelangen Folter eher niedrig. Die eher gering erscheinende Rückfallquote dürfte auch auf die teilweise völlige physische und psychische Zerstörung der Gefolterten zurückzuführen sein. Übrig bleiben allenfalls diejenigen, deren Persönlichkeit nach den jahrelangen Torturen nicht völlig zerstört wurde bzw. der Wunsch nach Rache wie ein Überlebenselexier gewirkt hat.

Mit den Foltergefängnissen, nicht nur in Guantánamo, steigt die Anzahl der Widerstandskämpfer. Nicht nur die Betroffenen, auch Familienangehörige, werden Widerstand leisten, weil das begangene Unrecht unübersehbar ist. Das gilt in besonderer Weise für die unschuldig Inhaftierten.

Da erscheint es geradezu absurd wenn aus den USA Stimmen hörbar werden, die sich gegen eine Entlassung aussprechen. Die Spirale des Unrechtes dreht sich weiter, neues Unrecht wird gefordert, natürlich mit einer Art Neusprech. Das durch Neusprech gesellschaftsfähig gewordene Unrecht wird mit journalistischem Geschick als Schutz der Bevölkerung deklariert. Dass man mit Guantánamo und ähnlicher Politik (Entführungen, Todeslisten, Folter, Töten von vielen Zivilisten, …) den ansteigenden Terrorismus gestärkt oder gar erst erzeugt hat, wird eher selten eingeräumt.

An und für sich wäre die Frage berechtigt, wie lange die europäischen Demokratien dieses Unrecht noch dulden wollen?