Das Trio Infernale und die selbst geschaffene Staatsaffäre

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Kampf der Kulturen? / Sarrazins Spiel mit der Ausländerangst

Wer gestern bei Maybritt Illner verfolgt hatte, was da die von dem Trio Infernale, gemeint sind Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundespräsident Christian Wulff und Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle (FDP), in Deutschland angerichtet wurde, der konnte den Niedergang im Geiste beobachten. Es war an und für sich schon peinlich, dass nur der jüdische Autor, Henryk M. Broder und der Schweizer Verleger, Roger Köppel dem Thema angemessen begegnet waren, während die anderen Gäste, die anscheinend als Konterpart der beiden Widerspenstigen eingeladen wurden, sich an der von dem Trio Infernale angefachten Hysterie willfährig und entsprechend ihrem bemerkenswerten Niveau beteiligten.

Zu Recht wies Henryk M. Broder eingangs darauf hin, dass die Kanzlerin “den Ton in der Debatte” gesetzt hatte. Sein Hinweis, dass sich die Kanzlerin bereits als “Kulturkritikerin” betätigt hatte, ohne dass zu diesem Zeitpunkt das Buch von Thilo Sarrazin bekannt sein konnte, belegt die von ihr zu verantwortende “Staatsaffäre”. Jetzt ist die Not groß und SPON transportiert die von CDU und SPD angekündigte Rettungsaktion, nämlich die Forderung einer Großdebatte über Integration im nächsten Jahr, um nicht noch mehr Wähler zu Recht zu verlieren. Mit der Fußballsprache (frei nach Trappatoni), die in der Sendung auch bemüht wurde, wird man sagen können: “Die Kanzlerin hat fertig!” Sie hatte sogar den Bundespräsidenten dazu verleitet, sein Amt zu beschädigen, als er dem Vorstand der Bundesbank mit seinen Äußerungen in der Öffentlichkeit  insistierend empfahl, Konsequenzen zu ziehen und Thilo Sarrazin aus dem Amt zu entfernen. Ein Vorgang der zeigt, dass durch die Aktion der Kanzlerin das Amt des Bundespräsidenten erneut beschädigt wurde, auch über die Besetzung eines willfährigen und an persönlicher Autorität mangelnden Parteigängers hinaus, der sich bereits für seine “Urlaubsgestaltung” in der Öffentlichkeit entschuldigen musste.

Henryk M. Broder machte deutlich, wie der Vorgang insgesamt zu bewerten ist, als er der Kanzlerin “eine latente Nähe zur Tradition der Reichsschrifttumskammer der Nazis bescheinigte (siehe auch ZDF-Veröffentlichung). Der Vorwurf ist berechtigt, da es hier um nicht weniger als die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit geht, die durch die öffentliche Zensur der Kanzlerin und den Bundespräsidenten, der sogleich dem Vorstand der Bundesbank den Rauswurf des Kritikers Thilo Sarrazin empfahl, beschädigt wurde.

Das Verhalten der Kanzlerin und des Bundespräsidenten wirkt wie eine Art Umkehr des Faustischen: Das Verhalten schafft nicht das Gute! Und gänzlich unverständlich ist, wie man wie Cem Özdemir (Parteichef der Grünen) und Bernd Ulrich (DIE ZEIT) annehmen kann, dass die Meinungsfreiheit nicht beschädigt wurde, wenn der Autor eines Buches aufgrund seiner Meinungsäußerungen sofort beruflich und persönlich ausgegrenzt bzw. vernichtet werden soll?! Das beweist, dass eine gute Schulbildung, eine ausgefeilte Sprache, die in angesehene Berufe und Positionen mündet, nicht ausreicht, wenn es an Geist bzw. Toleranz und damit Charakter mangelt, die eine persönliche Autorität auszeichnet.

Geradezu peinlich wurde es für den Sachkundigen, als die Politologin Naika Foroutan zu Wort kam und mit Eifer nachweisen wollte, dass selbst die statistischen ZAHLEN von Thilo Sarrazin “falsch” seien. Als Beweis führte sie ein Schreiben des Polizeipräsidenten von Berlin an, der folgendes mitteilte:

„Diese zitierte Aussage von Hr. Sarrazin ist weder bei enger Auslegung der Nationalitäten noch bei weiterer Auslegung der Staatszugehörigkeit mit Zahlen der offiziellen PKS (Polizeilichen Kriminalstatistik ) oder den geschäftsstatistischen Erhebungen zu Personen in Täterorientierten Ermittlungsprogrammen zu belegen.“

(siehe ZDF-Veröffentlichung)

Es ist allgemein bekannt, dass insbesondere die Polizei-Statistiken völlig unzureichend sind. Die Qualität der Statistiken hängt a priori von der Erfassung und Auswertung “ethnischer” Merkmale ab. Dass Thilo Sarrazin teilweise die statistisch unzulänglichen Zahlen um eigene Berechnungen ergänzt hat, ist methodisch dann nicht a priori zu kritisieren, wenn die zusätzlich herangezogenen Daten empirisch relevant sind. Wer ein seriöses Urteil über die von Sarrazin ermittelten Zahlen abgeben will, der muss den Autor kontaktieren und sich die Ermittlungsmethoden darlegen lassen, ehe er eine qualifizierte Bewertung abgeben kann. Es ist offenkundig, dass der Polizeipräsident, der sich für die zu erwartende billige Polemik hat instrumentalisieren lassen, die Berechnungsmethoden von Thilo Sarrazin gar nicht nachvollziehen konnte. Darüber hinaus muss man die Ausbildung der Politologin anzweifeln die offenbar nicht bemerkt hatte, dass der Polizeipräsident die Zahlen von Thilo Sarrazin nicht als FALSCH bewertet hat! Der von Henryk M. Broder als “schöne Frau” am Ende der Sendung gelobte Politologin scheint nicht gewärtig zu sein, dass “öffentliche Äußerungen von Behörden” sehr sorgfältig gelesen und verstanden werden müssen. Nicht selten werden solche Äußerungen vor Freigabe einer juristischen Prüfung unterzogen und feinsinnig auch aus rechtlicher Sicht ergänzt und korrigiert! Mit der Aussage des Polizeipräsidenten, dass er die Zahlen von Thilo Sarrazin mit vorliegenden Statistiken nicht “belegen” kann, werden die Zahlen von Thilo Sarrazin von der Behörde keineswegs als FALSCH apostrophiert! “Nicht belegen” bedeutet nur, dass die Zahlen von Thilo Sarrazin anhand der eigenen auswertbaren Zahlen nicht nachvollziehbar sind! Über RICHTIG oder FALSCH in einem wissenschaftlichen Sinn kann man aber nur befinden, wenn man die Zahlenberechnung nebeneinanderlegt, die Unterschiede im Detail ermittelt und mithin die angewandte Methodik im Sinne einer zulässigen Aussagenlogik prüft und bewertet. Und ohne Mithilfe von Thilo Sarrazin, der zuvor seine Detailunterlagen verfügbar machen müsste, kann eine solche Prüfung nicht erfolgen.

Die etwas ausführlichere Richtigstellung der Falschaussage der Politologin macht deutlich, dass auch Maybritt Illner mit diesen Zusammenhängen überfordert ist; das m.E. notwendige Grundwissen bzw. die Sensibilität für Aussagen, die insbesondere bei Behörden wörtlich zu nehmen sind, fehlt völlig. Schönheit reicht eben nicht aus; sie ist eher abträglich, wenn nicht ein Mindestmaß an “Durchblick” vorhanden ist, damit die Zuschauer nicht mit Behauptungen konfrontiert werden, die nicht haltbar sind und durch  bewusste / unbewusste Fehlinterpretationen entstehen können. Und wenn ein Polizeipräsident zu dem Ergebnis FALSCH gekommen wäre, dann hätte er das auch in dem Brief klar zum Ausdruck bringen müssen! Aber anscheinend ist die Seuche der geistlosen Interpretation selbst studierter Gäste nicht einzudämmen, die uns von der JOURNAILLE tagtäglich aufgetischt werden (sollen).

Anzumerken wäre noch, dass die PHONIX-Runde am gleichen Tag weitaus seriöser mit der Thematik umgegangen ist.

Die Staatsaffäre um Thilo Sarrazin macht deutlich, dass Deutschland von Politikern regiert wird, denen es an Charakter, persönlicher Autorität, Weitsicht und Fingerspitzengefühl mangelt. Der neoliberale Zeitgeist hat dazu geführt, dass eine ehemalige FDJ-Sekretärin durch eine Parteispendenaffäre (Kanzler Kohl: “Ehrenwort” vor Amtseid), ein Ministerpräsident der sich von einem Unternehmer aus der FINANZWELT im Urlaub aushalten lässt und ein “Esel” (frei nach Heiner Geißler; Stichwort: spätrömische Dekadenz), der die Zahl 18 unter den Schuhsohlen hatte, an die Macht gespült wurden. Vergleicht man das mit den Persönlichkeiten der Vergangenheit in solchen Ämtern, insbesondere mit Alt-Kanzler Helmut Schmidt dann wird deutlich, warum es so viele gravierende Schieflagen in der Gesellschaft gibt, die die Demokratie bereits nachhaltig beschädigt haben.

Die Meinungsfreiheit wurde durch das Trio Infernale beschädigt. Wer nicht den vorgegebenen Mainstream trifft, muss mit der persönlichen und beruflichen Vernichtung rechnen. Dafür gibt es bereits eine Anzahl Beispiele; jetzt trifft es Thilo Sarrazin. Niemand muss die Auffassungen von Thilo Sarrazin teilen, aber er muss seine Meinung sagen dürfen, ohne dass sogleich ein Hass geschürt wird und eine Hexenverfolgung “angeordnet” wird, wie das in totalitären Systemen an der Tagesordnung ist

Die “latente Nähe zur Tradition der Reichskammer der NAZIS”, wie es Henryk M. Broder gestern treffend ausgedrückt hatte, charakterisiert eine fatale Entwicklung. Die faustische Umkehr der Vertreter des vermeintlich GUTEN, die den Autor Thilo Sarrazin als “Rassisten” und gar “Antisemiten” einordnen, beruht auf einer völlig absurden “Nazi-Phobie”, die einige Politiker unbemerkt zu Handlungsweisen verleitet, wie sie für den Nationalsozialismus typisch waren und die ich als faustische Umkehr bezeichne. Mephisto, der stets das Böse wollte, aber das Gute dann letztlich bewirkt hatte, wird in das Gegenteil verkehrt. Oder anders gesagt: Die Bekämpfung der Nazi-Vergangenheit führt unbewusst (!) zur Anwendung von Methoden, die “latente” Ähnlichkeiten mit den Nazi-Methoden aufweisen.

Die physische Vernichtung Andersdenkender ist der persönlichen Vernichtung in Ansehen und Beruf und Parteimitgliedschaft gewichen, aber das sind  nur graduelle Unterschiede. Es hat den Anschein, als ob der eigentliche Kern der Nazi-Diktatur von den vermeintlichen Politiker-ELITEN nie verstanden wurde; es war die Selbstverständlichkeit der  Vernichtung des EINZELNEN, des Andersdenkenden und der Menschen, die aus ethnischen Gründen nicht dazugehören durften. Und viele der Täter hatten sogar an die Richtigkeit ihrer Handlungen geglaubt, weil sie durch die absurde IDEOLOGIE verführt wurden, die ihr Denken unreflektiert beherrscht hatte.

Heute laufen die ELITEN hinter der Ideologie des neoliberalen Zeitgeistes her, der die Gier, die Abzockermentalität, kriminelle Spekulationen und den fristlose Rauswurf von Arbeitnehmern, die eine Bulette vom Bufett nehmen, gesellschaftsfähig gemacht hat und der bereits in die despotische EU mündete. Die faustische Umkehr besteht in der zunehmenden Armut der Gesellschaft, des unnötigen frühzeitigen Absterbens von Menschen in Kliniken und Pflegeheimen (Pflegenotstand), das Führen völkerrechtswidriger Kriege usw. usw… Nur die “Zielgruppen” bzw. die “Betroffenen” haben sich geändert, die Ideologie funktioniert auf ähnliche Weise.

Nur der Bürger hat es mit seiner Wahlstimme in der Hand, die Demokratie zu verteidigen und das Trio Infernale aus der Verantwortung zu wählen. Jede andere Zusammensetzung einer Regierung wäre ein Segen für Deutschland und Europa.

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2 Antworten to “Das Trio Infernale und die selbst geschaffene Staatsaffäre”

  1. Die Pseudo-Wissenschaft der JOURNAILLE « An und für sich Says:

    […] (16 Autoren, wenn ich richtig gezählt habe) mit der Staatsaffäre, die an und für sich das TRIO INFERNALE, bestehend aus Angela Merkel (CDU), Guido Westerwelle (FDP) und Bundespräsident Christan Wulff […]

  2. Sarrazin und der angeblich “vergoldete” Abgang « An und für sich Says:

    […] und sogleich den Rauswurf gegenüber der Bundesbank insistierend nahelegte. Aus dem Artikel – Das Trio Infernale und die selbst geschaffene Staatsaffäre – sind weitere Zusammenhänge […]

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